Offener Brief

Tübingen, den 30. März 2021

 

Was unsere Kinder und Jugendlichen brauchen
Stellungnahme des GEB Tübingen

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist uns bewusst, dass wir in Pandemiezeiten leben, weshalb Öffnungsschritte betreffende Entscheidungen schwierig sind und sorgfältig abgewogen werden müssen.

Schule muss jetzt neu gedacht werden, denn die aktuelle Situation hat sowohl massive Auswirkungen auf die schulische Bildung aller Schüler*innen als auch entwicklungspsychologische Folgen, weshalb wir uns fragen müssen, wie ein verlässlicher Schulalltag in Pandemiezeiten unter Einhaltung der AHA-Regeln gelingen kann. Gleichzeitig sehen wir Konzepte, die nur die Bildung in den Blick nehmen, als zu kurz gegriffen, denn der Aspekt der psychosozialen Entwicklung aller Kinder und Jugendlichen muss gleichermaßen mitgedacht werden.

Folglich brauchen wir kreative und tragfähige Konzepte, die die Lernfähigkeit, Belastbarkeit und Anstrengungsbereitschaft wiederherstellen und die Kinder und Jugendlichen in ihrer Entwicklung sehen und stärken. Der großen Leistung und Belastung von Schüler*innen, Lehrer*innen, Schulsozialarbeit, weiterem pädagogischen Personal und Familien muss endlich adäquat begegnet werden.

Wir fordern daher:

  1. Flexibilität und Autonomie für schulspezifische Konzepte und Teststrategien unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen. Die Schulen müssen in die Lage versetzt werden, individuelle Lösungen zu finden, die die jeweiligen Gegebenheiten einbeziehen. Natürlich hat für uns das Verhindern von Infektionen im Schulalltag, d. h. auf dem Schulweg (ÖPNV), im Schulhaus und in der Mittagspause, oberste Priorität. Das Kultusministerium muss hierzu auch Konzepte und Ideen entwickeln und die Schulen in der Umsetzung unterstützen.

  2. Die Rückkehr der Schüler*innen aller Tübinger Schulen abhängig vom Infektionsgeschehen. Wechselunterricht kann hierbei ein Modell sein, gleichzeitig sollen aber auch neue Unterrichtsformen gedacht werden, z. B. Unterricht im Freien und mit Abstand. Dies ist durch die im Frühjahr langsam steigenden Temperaturen ein möglicher Weg, mehr als nur die Hälfte der Klasse zusammenzubringen – und zwar regelmäßig (Kontinuität).

  3. Konzepte müssen immer mitdenken, dass sich die Kinder und Jugendlichen in den letzten Monaten zu wenig bewegt haben und zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbracht haben (Risiko steigender Kurzsichtigkeit als Folge, siehe Fallzahlen in China). Deswegen sind vermehrt Wandertage und andere Aktionen im Freien, in Bewegung und mit der Klassengemeinschaft in diesem und dem nächsten Schuljahr nötig. Sport- und Schwimmunterricht müssen möglichst rasch wieder aufgenommen werden.

  4. Die Isolierung hat gerade auf Jugendliche enormen Einfluss und verhindert entwicklungs­psychologisch normales Verhalten in der jeweiligen Altersgruppe. Dies gilt es umgehend abzufangen. Allein durch die Beschulung ist dies nicht zu leisten, die Jugendlichen brauchen Austausch und Gemeinschaft. Insbesondere jene Kinder und Jugendliche, für die Schule schon vor Corona ein Kraftaufwand war, sind mit der alleinigen Öffnung der Schulen als Unterrichtsort u. U. weiter belastet. Ausgleich, Austausch und Gemeinschaft können die Jugendlichen zurzeit nicht in Hobbys oder in der Freizeit finden. Deswegen fordern wir, hierfür in der Schule Möglichkeiten zu schaffen und neben der Beschulung der Kinder auch ihre psychische Entwicklung in den Blick zu nehmen. Jeden Tag sollten daher fünf Stunden für Unterricht und eine Stunde für Austausch und Unterstützung zur Verfügung stehen. Einmal in der Woche sollte dies durch die Schulsozialarbeit erfolgen, ansonsten durch Lehrer*innen.

  5. Die vom Philologenverband empfohlene pädagogisch-didaktische Methode des „Klassenrats“, welche zu einer deutlichen Verbesserung des Gemeinschaftsgefühls und Lernklimas führen kann, soll an allen Schulen weiterentwickelt bzw. eingeführt werden. Die Diskussion in der Klasse hilft gegen Stigmatisierung und Mobbing von Andersdenkenden und kann zur Meinungsänderung im Sinne der Gemeinschaft führen.

  6. Es sollen Modelle überlegt werden, die die Klasse als Gemeinschaft im Blick behalten. Sollte es noch nicht möglich sein, Unterricht im Freien, Wandertage mit Abstand o. ä. mit allen zu ermöglichen, müssen vorübergehend andere Ideen hierzu entwickelt werden, z. B. einmal in der Woche ein gemeinsames virtuelles Treffen als Austausch oder Briefaktionen innerhalb der Klasse.

  7. Die Kinder und Jugendlichen sind durch die Pandemie stark belastet. Wir fordern deswegen keinen zusätzlichen Druck durch benotete Klassenarbeiten etc. aufzubauen. Gleichwohl finden wir regelmäßige unbenotete Leistungsstanderhebungen wichtig. Hierdurch soll den Lehrer*innen ermöglicht werden, nachvollziehen zu können, ob noch alle Schüler*innen dem Stoff folgen können und welche Lücken vorliegen. Der Unterricht kann dadurch inhaltlich und didaktisch so angepasst werden, dass weniger Schüler*innen durch die Pandemie fachlich nicht mehr mitkommen. Gleichzeitig sollen Eltern sowie Schüler*innen auf Unterstützungsmöglichkeiten aufmerksam gemacht werden, z. B. kostenlose Nachhilfe für BuT-Empfänger*innen.

  8. Wir halten wissenschaftliche Begleitung von Öffnungsschritten für erforderlich. Es ist unverständlich und dramatisch, dass so wenig belastbare Erkenntnisse zur Rolle von Schulen in dieser Pandemie vorliegen.

  9. Wir erwarten eine wissenschaftliche Begleitung, denkbar durch die Zusammenarbeit von Schulen, Kinder- und Jugendkliniken und -psychiatrien etc. Es ist nämlich ebenso unverständlich, dass kaum valide Daten zu Schritten der Stabilisierung der psychischen Situation von Jugendlichen in der Pandemie vorliegen.

  10. Die vorläufige Aussetzung der Schulpflicht muss beibehalten werden, um denjenigen entgegenzukommen, die sich dem Risiko einer Infektion durch Kontakte auf dem Weg in die und in der Schule nicht aussetzen wollen.

  11. Wir fordern die große Leistung und Belastung von Lehrer*innen und weiterem Personal zu würdigen und jetzt schon über sinnvolle Konsequenzen und Langzeitlösungen für die starke Überbelastung, die durch Corona nur verschärft wurde, zu entwickeln, die spätestens im neuen Schuljahr greifen.

  12. Vor allem erwarten wir, dass es spätestens nach den Osterferien tragbare Konzepte gibt.

Mit freundlichen Grüßen

GEB-Vorstand Tübingen

Carolin Petry / Susanne Keck / Frank Häber / Marc Scheerle / Wolfgang G. Wettach / Tobias Ruckwied / Judith Maier


 

Aktuelle Themen im GEB

  • Förderung der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule
  • Lernmittelfreiheit und Schulbudgets
  • Medienbildung
 
 

 

Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen ein angenehmeres Surfen zu ermöglichen.